Da es eine Fülle von Auffassungen über Humanismus gibt, musste ich mich erst einmal für eine dieser Beschreibungen entscheiden. Für mich standen die von J.P. Sartre, mit dem Verweis auf die Eigenverantwortung des Einzelnen, und die von Erich Fromm, mit der zunehmenden Entfremdung und Unfähigkeit des Menschen zur Liebe zur Diskussion.
Ich werde mich in diesem Text auf beide Vertreter stützen und beziehen, da sie am ehesten meine Auffassung von Humanismus beschreiben. Beginnen möchte ich mit einem Zitat von Erich Fromm:
„Haben wir aber mit dem ganzen Menschen in uns Kontakt, dann gibt es nichts Fremdes mehr. Es gibt kein Verurteilen anderer mehr aus einem Gefühl der eigenen Überlegenheit... Der Mensch steht heute vor der Wahl: Entweder wählt er das Leben und ist zur neuen Erfahrung von Humanismus fähig, oder die neue 'eine Welt' wird nicht gelingen.“
Der Begriff Humanismus ist sehr relativ. Jedoch grenzt er sich mit der Fokussierung auf die oben genannten Vertreter ziemlich ein. Mit dem Verlust der Fähigkeit zu lieben und dem mangelndem Interesse sich selbst kennenzulernen und sich selbst bestimmten, auch schmerzhaften Erfahrungen zu stellen, geht dem Menschen eine wichtige und essentielle Erfahrung des Lebens verloren. Damit kann einhergehen, dass dem Menschen die Fähigkeit zur Empathie, also der Fähigkeit sich in Andere einzufühlen, verloren geht. Das kann wiederum zu einem rüden und verständnislosen Umgang untereinander führen. Aber wie begegnet man solchen Menschen? Mit Verständnis und Empathie? Mir persönlich fehlt dazu oft der Wille und ich verstecke mich in meiner kleinen, „humanistischen Nische“. Ich stehe manchmal fassungslos da, wenn ich auf Menschen treffe, die meinen Vorstellungen von Menschsein überhaupt nicht entsprechen und drehe mich weg. Bin ich aber damit nicht genauso inhuman wie die Menschen, die ich dafür verurteile inhuman zu sein? In diesem Fall schützt Humanismus vor Garnichts, wenn nicht der Wille zur Veränderung der Verhältnisse oder wenigstens der Wille zum bewussten Kontakt und dem Auseinandersetzen auch mit solchen Situationen vorhanden ist. An dieser Stelle möchte ich J.P.Sartre zitieren:
„Es gibt kein anderes Universum als ein menschliches, das Universum der menschlichen Subjektivität. Diese Verbindung von den Menschen ausmachender Transzendenz- nicht in dem Sinn, wie Gott transzendent ist, sondern im Sinn von Überschreitung - und Subjektivität in dem Sinn, dass der Mensch nicht in sich selbst eingeschlossen, sondern immer in einem menschlichen Universum gegenwärtig ist, das ist es, was wir existentialistischen Humanismus nennen.“
Der Verweis auf die Eigenverantwortung des Einzelnen ist für mich einer der wichtigsten Grundsätze im menschlichen Zusammenleben. Denn nur wenn ich erkenne, dass ich alleine für mein Leben und Handeln zu verantworten bin, entfällt die Schuldzuweisung auf andere. So wird mir auch die Bequemlichkeit, nur mit dem Finger auf andere zeigen zu müssen, genommen. Dann fängt es an schmerzlich werden, denn dann muss ich mir darüber klar werden, was ich überhaupt vom Leben möchte und erwarte. Dann kommen das Suchen und das Überlegen nach dem Inhalt, der mich, wenn nicht für den Rest des Lebens, so doch zumindest bis zur nächsten Etappe führt, und mir wenigstens ein bisschen Zufriedenheit und Lebensfreude schenkt. Jetzt könnte der Einwand genannt werden, dass nicht alle Menschen in der Lage sind ihr Leben frei zu gestalten, weil es da kranke und bedürftige Angehörige oder ein Kind gibt. Diese Menschen lasse ich bei diesen Überlegungen außer Acht, denn sie leisten, ob aus Pflicht oder freiwillig, bereits einen großen humanistischen Beitrag. Jeder andere Mensch ist für sein Leben selbst verantwortlich und so hart es auch klingen mag, lässt sich jede Diskussion darüber auf diese einfache Aussage bringen. Es ist nicht der tyrannische Chef, der die Arbeit für mich unerträglich macht, sondern meine Unfähigkeit oder vielleicht auch die Angst diesen Umstand zu verändern. Ich war selbst mal in einem Unternehmen beschäftigt, in dem die Geschäftsführerin die Macht über alles und jeden hatte. Ich musste schmerzlich erkennen, dass es nicht die Geschäftsleitung war die für meine Situation verantwortlich ist, sondern, dass ich hätte gehen oder die Kollegen zu einer Arbeitsverweigerung bewegen müssen. Doch aus Angst vor Arbeitslosigkeit, Armut und sozialem Abstieg habe ich alles gelassen wie es war.
Der Weg zur Erkenntnis der Mechanismen, die mich binden oder mich in unangenehmen Lebensumständen halten, ist für mich der erste Schritt, ein humanistischeres Leben zu führen. Ich glaube, ein denkender und verantwortungsbewusster Mensch wird ein Leben lang damit beschäftigt sein, seine Position und sein Handeln immer wieder zu reflektieren und zu nivellieren, denn es gibt kein universelles humanistisches Lebenskonzept, sondern immer nur Situationen und Entscheidungen.
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